Gedanken: Fragen über Fragen

Ein Schulterzucken, ein ratloser Blick, ein Fragezeichen auf der Stirn! „Was wollen wir nun hierzu sagen?“

Das ist seit geraumer Zeit einer meiner Lieblingsätze (oder besser: eine meiner Lieblingsfragen) aus der Bibel. Paulus, in seinem Brief an die Römer, hat so reichlich ratlos aus der antiken Wäsche geguckt. “Hä? Und was jetzt? Da fällt mir nix mehr ein …“ – das ist eine etwas moderne Version desselben Satzes, desselben Gefühls: Ich bin sprachlos. Und das kann der Mensch ja wohl sein, bei all den Ereignissen der letzten Tage (für die mir kein Scherz mehr auf der Zunge liegt, bei denen mir aller Humor vergeht). Das grauenvolle Attentat in Nizza, die menschenverachtende

Gewalt in der Türkei, die nicht minder gewaltbereiten Reaktionen – und die unverfrorene Hetze im Netz dazu, die mangelnde Abgrenzung gegen Rechts und Antisemitismus, der antieuropäische Populismus der im In- und Ausland wohl am liebsten Scherbenhaufen sieht (um die sich dann andere kümmern sollen) – ich hatte schon mal mehr Hoffnung in eine gedeihliche Zukunft.

Da verschlägt es mir dann ganz leicht die Sprache, da zucke ich mit den Schultern und ziehe fragend die Stirne kraus. „Was sollen wir nun hierzu sagen?“

Ich bin froh, dass die Bibel solche Sätze für mich hat. Sie geht nicht davon aus, dass der fromme Gottesmann und die fröhliche Gottesfrau auf alles eine Antwort wissen.

Mit der Bibel: darf gezweifelt werden, darf ich um Antwort verlegen sein, kann ich meinen Fragen Raum geben. In meiner Rat- und Sprachlosigkeit ist mir Paulus ein Bruder.

Dankbar bin ich auch, dass Paulus auch gar keine Antwort gibt, so in der Art: „Nur Mut!“, oder „Jetzt hab dich mal nicht so!“ oder „Des Herrn Wege sind unergründlich!“ – das gibt‘s ja in vielen Variationen und hilfreich sind sie alle nicht. Nein, Paulus versucht gar keine Antwort, er stellt noch eine Frage. Aber eine rhetorische: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ Eine rhetorische Frage kennt die Antwort schon:

Gott ist für uns – darum gibt es nichts zu fürchten. Leichter gesagt als geglaubt, zugegeben.

Aber ich will mich darauf einlassen – weil gerade heuer nur ein Satz weiterhilft, der nicht von Angst geprägt ist. Einer der Mut macht, aufeinander zuzugehen und Menschlichkeit zu wagen. Einer, der im anderen einen sieht, für den Gott auch ist (und nicht nur für mich). Wir brauchen solche Sätze – und Menschen, die sie leben.

Machen Sie mit?
Thomas Weiß
Evang. Pfarrer
Luthergemeinde Baden-Baden

Predigt: Tanz auf dem Vulkan, Predigt zu 2. Mose 19, 1-6.16- 19

Tanz auf dem Vulkan, Predigt zu 2. Mose 19, 1-6.16- 19
10.S.n.Tr., 31.7.2016, Lutherkirche Lichtental, Th. Weiß

Ich bin ein Gast auf Erden, mein Gott, verbirg dein Wort nicht vor mir. Amen
Hören wir auf Gottes Wort, aus dem 2. Buch Mode im 19. Kapitel – wo erzählt wird, was sich ereignete, als Gott dem Volk Israel und mit ihm der Welt die Zehn Gebote, den Dekalog gab:

Keine Frage, liebe Gemeinde, keine Frage – es steht mancherlei in Frage. Und viele leiden auch darunter, dass unser schönes christlich-abendländisches Wertesystem nicht mehr selbstverständlich ist, dass wir keine klaren Antworten mehr haben auf moralische Herausforderungen, auf Zukunftsfragen.

Viel ist im Fluss: Wieviel Gewalt darf sein, damit Frieden geschaffen werde, darf die Kirche homosexuelle Paare trauen, wieviel Individualität, wieviel Gemeinschaftssinn ist möglich und förderlich, welchen Platz sollen Fremde haben, was bestimmt eine Nation und wer ist das Volk?

Viele Zeitgenossen beklagen ihre Unsicherheiten, und andere tun so, als läge doch alles klar auf der Hand. Es gibt die, die vorgeben, den Bestand der eindeutigen christlichen Werte und Wahrheiten zu kennen. Und die schreien laut und behaupten:
Unsere Werte sind klar und liegen fest, daran ist nicht zu rütteln.

Ich unterstelle uns mal, dass wir alle solche Werte kennen, dass wir alle, bewusst oder unbewusst, wohl bedacht oder einfach übernommen, unser Korsett an Werten und Vorstellungen haben, die uns heilig sind. Vermutlich sind unsere Werte nicht so rechtskonservativ und starrsinnig wie die so manchen Schreihalses – aber festgefügt, beständig sind sie doch.

Gute Christinnen und Christen, die wir sind, kommen uns, gefragt, was die rechten Werte denn seien – die alten Zehn Gebote in den Sinn.

Die sind altbewährt, wirksam bis heute. Die Zehn Gebote, Grundstock einer guten Lebensführung, Geländer und Zaun für das Gottgefällige, eine Mauer gegen Unsitte und Unheil, festgefügt, unerschütterlich.

Steintafeln, heißt es, habe Mose vom Berg mitgebracht, von Gottes Finger seien sie in Stein gehauen worden. Das klingt nach Festigkeit, nach ehernem Gebot, nach unveränderlichem Fundament, steinern eben. Und ein wenig klotzig und hart ist dann wohl auch der Gott, der sie gegeben hat, mit klaren Grundsätzen und wenig Kompromissbereitschaft, gerecht ohne Wanken, fest und konsequent ohne Zagen und Zögern.

So viel Stein, so viel Felsenfestigkeit, das kann aber auch wehtun; und wer hat sich nicht schon an den Geboten gestoßen, dass es Blessuren gab, heilsame vielleicht, aber auch eine Menge schmerzhafte. Da sind viele, die wenden sich von den Steintafeln lieber ganz ab, als den Schmerz weiter zu ertragen, die halten die Zehn Gebote nicht länger mehr für Grundsteine für die Zukunft, für ein Fundament gelingenden Lebens. Ich hab Verständnis dafür – und glaube auch, dass die Gebote zum Verletzen nicht gemacht sind.

Wir haben eben in der Lesung gehört, was um die Gebote herum passiert. Vor lauter Stein und Inschrift, vor lauter Härte und Gehämmer wird das kaum beachtet. Aber da rücken die Gebote plötzlich in ein anderes Licht – in ein rotes Licht, ein feuriges Orange, in das Glühen feuerfarbener Lava. „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der Herr auf dem Berg herabfuhr im Feuer.“ Um die Gebote herum, um Stein und Tafel herum, da ist Vulkanausbruch!

Und wer da oben steht, wenn es um ihn herum kracht und donnert, wenn der Berg Feuer speit und Asche fliegt, wer da oben steht, wo kein Stein auf dem anderen bleibt, der denkt gewiss nicht an Unerschütterliches, an Felsenfestes. Der steht auch nicht einfach da und verharrt. Wenn der Boden wankt, wenn die Erde bebt und zittert, dann stehe ich nicht, dann springe ich von einem Fuß auf den anderen, dann schwinge ich die Beine und pendle ich mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, dann, ja, dann tanze ich!

Umrahmt sind die Zehn Gebote, eingefasst sind die Tafeln aus Stein – vom Tanz auf dem Vulkan. Dazu gab’s Posaunengeschmetter und Donnergetrommel, Blitzlicht und Feuerfackeln.

Der Tanz auf dem Vulkan – nichts von Starrheit, nichts von Felsenfestigkeit – es ist eine durch und durch bewegte Szene, geboren wird der Dekalog auf einem kreisenden, sprühenden, wankenden Berg.

Auf einem Vulkan – befinden wir uns auch, das ist keine Frage. Wir müssten uns auf die Suche nach guten Werten nicht machen, wenn das Altvordere, das Überkommene, das scheinbar Bewährte nicht ins Wanken geraten wäre. Und wir könnten uns ruhig zurücklehnen, wenn klar und fest wäre, was unsere Gesellschaft trägt, was der Bedrohung von Umwelt und Mitmensch wehrt. Aber
so ist es nicht. Unter uns brodelt es: das Elend im Süden, die Flucht in den Norden, die Übersättigung im Westen, die Gewalt im Osten. Viele wollen das nicht oder nicht mehr wahrhaben, die lassen sich’s lieber gut gehen und tanzen ihren Reigen mit schriller oder stiller Selbstzufriedenheit. Aber: dass das nur kein Totentanz wird!

Wie sollten wir es verhindern? Nicht mit dem Verweis auf die festgefügten Tafeln, nicht mit Starrheit und der Forderung nach unverrückbaren Werten. Nicht so.

Gott macht das anders. Die Gebote hat er gegeben, zehn an der Zahl und noch ein paar mehr, ein vornehmstes auch, das von der Nächstenliebe handelt und von der Liebe zu mir selbst; Gebote hat er gegeben, auf Stein und in Herzen – aber keine klotzig-felsenfesten. Zu den Geboten hat er Musik geschrieben, Tanzmusik!

Das ist so weit hergeholt nicht – denken Sie an David, der vor der Bundeslade tanzte als er sie nach Jerusalem holte, denken Sie an dieses ausgelassene Fest der Juden, simchat thora, das Fest der Gesetzesfreude, da Männer ausgelassen tanzen, mit der Schriftrolle im Arm, weil dieses Gesetz lebendig ist, weil es begeistert und selig macht.

Gott also spielt zum Tanz auf; „Darf ich bitten“ ruft er, seinem Volk zu, so dass es nicht zu überhören ist, und die dargereichte Hand, mit der er zum Tänzchen fordert, die ist sein Gesetz, das ist der Dekalog. Grundlagen für die Zukunft, Fundamente für gelingendes Leben – die sind von Gott her alles andere als hart und wohlgefügt, die sind bewegt, flexibel, die wiegen sich und biegen sich hin und her.

An diesen Geboten sich orientieren, sich ausrichten an den Zehn des Dekaloges, an den anderen und an dem vornehmsten, das heißt von Gott her: tanzen lernen.

Wir leben auf einem Vulkan, die Erde schwankt. Das nützt es nicht, auf Grundsätzen zu beharren, da hilft es nicht, Mauern von zu errichten. Was es braucht, ist Tanzunterricht, und Gott will der Tanzmeister sein, will, damit wir lernen, so beschwingt, so frei, so fröhlich trotz allem zu tanzen wie er.

Ich trete für einen Moment aus meinem Bild heraus – was mir nicht leicht fällt, weil es mir in den Füßen juckt -: Ein tänzerischer Gott, Gebote, die uns aufspielen wollen und zur Bewegung reizen, was heißt das denn nun?

Das heißt, dass wir uns auf das Althergebrachte, auf das scheinbar Festgefügte, auf Werte und Wille und Moral, dass wir uns darauf nur verlassen können, wenn wir den Sinn begreifen, in dem Gott es gegeben hat. Wenn wir einstimmen, mitschwingen.

Der Sinn heißt: Was ich es sage, spreche ich in euer Leben hinein, in das konkrete, handgreifliche Leben, in die konkrete Not und das begeisternde Glück hinein, in die Enttäuschung, die Furcht, den Hass und die Liebe hinein. Die Sätze der Gebote, die werden wirklichen Menschen zugeschrieben:
Trauernden und Verletzten, Gescheiterten und Orientierungslosen, denen, die an den Rand gedrängt werden und denen, die in der Mitte vereinsamen. Es genügt also nicht, hier und da die Tafeln hochzuhalten und Gehorsam zu fordern, es genügt nicht, aufs ewige Gesetz zu verweisen und die Menschen über einen Kamm zu scheren dabei. Nein, es geht darum, dass wir uns hineinbegeben, dass wir Verständnis wagen, dass wir zuerst hinsehen und hinhören, kurz: dass wir
mitspielen. Nicht um Urteil und Wahrheit geht es zuerst, sondern um Nähe und Liebe.

Als Christ auf dem Vulkan unserer Zeit, da halte ich’s mit den Geboten, den Grundlagen recht, wenn ich sie spielerisch ins Spiel bringe, wenn ich tanze. Und Gott klatscht wohl in die Hände dazu.
AMEN

Predigt zu Apostelgeschichte, Das kommunistische Manifest , 2,42-47, 10.7.2016, Ev. Lutherkirche, Th. Weiß

Das kommunistische Manifest
Predigt zu Apostelgeschichte 2,42-47, 10.7.2016, Ev. Lutherkirche, Th. Weiß

Ein Gast auf Erden bin ich, mein Gott, verbirg dein Wort nicht vor mir!

Hören wir auf Gottes Wort, aus der Apostelgeschichte des Lukas, im 2. Kapitel:

Naja, die Worte hör ich wohl – allein mir fehlt der Glaube! So soll’s damals zugegangen sein? Man hört Gerüchte, dass es gerade anders gewesen sei: eben nicht einmütig, sondern recht streitbar, nicht zugewandt und opferwillig, sondern ordentlich eifersüchtig und auf das Eigene bedacht. In den Briefen des Paulus und schon in der Apostelgeschichte selbst wird immer wieder erzählt, wie ungerecht die Güter verteilt wurden und dass die Reichen auf die Armen, die Angesehenen auf die Mitläufer wenig Rücksicht nahmen.
Was Lukas da beschreibt, das ist mutmaßlich nie so gewesen. Viele Ausleger dieser Zeilen haben darauf hingewiesen, dass Lukas die Einmütigkeit und den Gemeinschaftssinn der ersten Christen wohl nicht hätte so deutlich betonen müssen, wenn dieser „christliche Urkommunismus“ tatsächlich Realität gewesen wäre. Das Gegenteil war der Fall. Lukas beschreibt in Idyll – und Idyllen helfen nicht viel.
Drum vergessen wir diese Zeilen lieben und wenden uns der rauen Wirklichkeit zu! Oder?
Nun, ich unterstelle – wie ich es immer tue, wenn ich Biblisches lese – ich unterstelle, dass in diesem frühchristlichen, kommunistischen Manifest Gültiges steckt, das uns heute noch beschäftigen muss. Ab was?
Zuerst glaube ich, Lukas hat nicht nur ein Idyll gemalt, der hat eine Utopie gezeichnet. Das Bild von der ersten Gemeinde, in der es keinen Privatbesitzt gibt, in der alle füreinander einstehen und ein gerechter, geradezu vollkommener Ausgleich besteht zwischen Vermögenden und Armen, Starken und Schwachen, das bleibt eine Herausforderung. Mit Gott, sagt Lukas, gibt es keine Zementierung ungerechter Verhältnisse, mit Gott ist die Richtung gewiesen – ganz im Sinne Jesu, der behauptet: Was ihr einem der geringsten unter meinen Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan! Käte Schaller-Härlin hat diese Ausrichtung christlichen Handelns vor 116 Jahren hier in unserer Kirche illustriert, in ihren Bilden von den sechs Werken der Barmherzigkeit. Die Lutherkirche ist mit diesen Fresken geschmückt, damit wir eingedenk sind, dass Christlichkeit nicht nur aus dem Hören des Wortes und einer gehobenen Moral besteht, sondern dass Christsein handgreifliche Konsequenzen hat: Hungernde speisen, Nackte kleiden, Gefangene besuchen, Kranke pflegen, durstige Tränken, Fremde willkommen heißen!
Das sind traditionell die sechs Werke der Barmherzigkeit – und die sind, genau wie des Lukas Bild von der ersten Gemeinde: eine Utopie, eine Herausforderung. Sol soll, so kann es zugehen bei euch, Christinnen und Christen.
Mich fordert diese Bilder sehr heraus, liebe Gemeinde. Ich schenke gerne und ich glaube, ich bin auch einigermaßen großzügig – aber: meine Lieblingsbücher geb ich nicht aus der Hand, mein Rennrad ist ein kleines, eifersüchtig gehütetes Heiligtum, ich brauch und will mein Privatleben, das nur die stören mögen, denen ich es erlaube; ich halte viel vom Urheberrecht auf meine Gedichte – und außerdem wollen wir unseren Söhnen eine gute Ausbildung finanzieren und für’s Alter (Man kommt ja langsam in die Jahre!) noch einen Groschen auf der halbhohen Kante haben. Da hab ich’s nicht leicht, wenn so ein Lukas, so ein christlich-antiker Karl Marx daher kommt und behauptet, Eigentum sei Diebstahl und ich solle alles verkaufen, was ich hab, und es den Armen geben; sagt Jesus, im Lukasevangelium, zum reichen Jüngling. Ein Jüngling bin ich nicht, aber die Herausforderung bleibt.
Vielleicht geht Ihnen das ähnlich.
Was sollen wir also anfangen mit solchen Zeilen und Bildern, die eine Utopie entwerfen, die nicht so recht zu unseren Verhältnissen passt, die wohl zu viel fordert – und ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen hinterlässt, wenn wir uns von Jesu und des Lukas Radikalität anrühren lassen?
Wenn Sie mögen, lassen Sie uns nachher beim Kirchcafé unter der Empore noch ein wenig ins Gespräch kommen darüber.
Ich für meinen Teil glaube, dieses biblische kommunistische Manifest hat noch eine Bedeutung jenseits der Frage nach Geld und Gut, jenseits des Materiellen; ich meine, ich sollte es noch tiefer, noch aufmerksamer lesen.
Es gibt in den Zeilen des Lukas eine Wendung, die mich sehr bewegt: „Sie aber blieben“ heißt es da in der Apostelgeschichte: „Sie aber blieben beständig“.
Ich höre es so: Sie blieben beieinander, sie waren in Beziehung, sie hatten Anteil und sie gaben Anteil. Gar nicht zuerst an Geld und Gütern, aber an den Menschen, die zur Gemeinde gehörten – und weit über die Gemeinde hinaus, sonst wären nicht, wie Lukas fröhlich scheibt, nicht täglich etliche dazu gekommen.
Das Allererste, was die Gemeinde attraktiv macht, das Wichtigste, was wir von Lukas lernen können, ist wohl nicht der frühchristlich-utopische Kommunismus, sondern die Liebe.
Eine zweifache Liebe: „Sie blieben beständig in der Lehre und in der Gemeinschaft!“.
Die Lehre ist das, was uns ermutigen mag. Das Evangelium von Jesus sagt uns zu, dass wir zu unserer Seligkeit nichts brauchen – kein Geld und Gut, kein Titel und keine Ansehen, keine Leistung und kein Opfer, keine Glaubensheldentagen und keine fromme Demut –, dass wir nichts brauchen, außer: von Gott geliebt zu sein. Und das sind wir: angenommen, wie wir sind – in ungerechten Verhältnissen lebend, den Herausforderungen nicht angemessen und mit einem mehr oder weniger schlechten Gewissen. Dies alles tut der Liebe Gottes keinen Abbruch. Darum sind wir geborgen – und von der Liebe sind wir befreit, wieder zu lieben.
„Sie blieben beständig in der Gemeinschaft!“
Wir sind, liebe Gemeinde, Menschen in Beziehung, das sind wir immer: bezogen auf unsere Nächsten in Gemeinde und Nachbarschaft, in Stadt und Land, bezogen auf die fernen Nächsten, die irgendwo in der Welt Hunger leiden, Angst und Gewalt. Und in den letzten Monaten sind uns viele der Fremden nahe gekommen und haben uns den Unfrieden und die Ungerechtigkeit vor Haus- und Kirchentür getragen. Wir sind in Beziehung – auch zu uns selbst und zu dem Gott, der uns geschaffen hat und der uns liebt.
Das ist eine Tatsache. Aber Lukas stellt sie nicht einfach nur fest, er gibt ihr einen besonderen Wert: „Sie blieben beständig!“ Wer etwas beständig tut, der hat sich dafür entschieden – und wer bleibt, der hat sich entschieden, nicht zu gehen. Natürlich: Wir können aus unsren vielen Beziehungen, aus den Verhältnissen und Gegebenheiten nicht einfach ausbrechen – aber wir können uns, so verstehe ich Lukas, wir können uns dafür entscheiden, bewusst darin zu leben. Wir können: Beziehungen gestalten, wir können aufmerksam sein und Kontakte suchen, können ins Gespräch kommen, annehmen und achten, den anderen und seine Geschichte wertschätzen, wir können in den Beziehungen klar sein, Profil zeigen und aufrecht gehen, wir können lernen, uns verändern lassen, neugierig sein und Neues entdecken. Wir können – beständig, bewusst und entschieden – tun, was Gott tut: lieben!
Naja, auch nur eine Utopie, oder? Nein, ich glaube nicht. Das Wort „Utopie“ kommt aus dem Griechischen und heißt „u-topos“, übersetzt: kein Ort. Der frühchristliche Liebeskommunismus der ersten Christinnen und Christen, der mag keinen Ort in der Welt haben – wir aber, wir haben einen. Wir haben den je eigenen Ort in der Welt, und Gott macht uns fähig und geschickt, an genau diesem Ort zu lieben und achtsam zu sein, uns zuzuwenden, dem nahen und dem fernen Nächste und uns selbst auch. Fürchten müssen wir nicht, weil Gott uns liebt.
Lukas sagt also nicht: „Ach ja, es könnte alles so schön sein“, nein, er verweist uns auf das, was wir können, weil wir längst schon und immer schon Geliebte Gottes sind.
Wir könnten nicht, wir können lieben. Also tun wir’s, entschieden! Beständig!
Amen